Gastbeitrag: Siegfried und Roy und weitere zahme Leoparden

siegfried und royHeute erreichte uns ein Erlebnisbericht eines Reisebüro-Angestellten, den wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen. (Autor: Salome / tjagebuch.ch)

Eine Reise, Siegfried und Roy und eine Touristin mit beschränktem Aufnahmevermögen

Seit kurzem arbeite ich wieder in einem Reisebüro. Auch hier gibt es besondere Exemplare, eins davon darf ich euch auf keinen Fall vorenthalten!

Wir kennen sie, die flotte Gerdi. Mitte 50, ewige Jungfrau und ausgestattet mit dem Prädikat „Besonders Wertvoll“. Gäbe es eine Plakette „Besserwisser vom Dienst“, wäre ihr Foto dort drauf. So steht sie hier. Geballte 1 Meter 50 Lebendgrösse und mit 10 Tagen Resturlaub im Schlepptau.

G = Gerdi, I= Ich, kurz vor dem freiwilligen Koma

G: Guten Tag

G schnaubt nach den 3 Treppenstufen wie die Titanic kurz vor dem finalen Eisberg.

I: Guten Tag Frau Gerdi. Na, sind wieder einmal Ferien angesagt?

G: Woher wissen sie das?

( Woher wohl! Frau Gerdi stapft zweimal jährlich die drei Treppenstufen hoch um dem ganzen Bahnhof bekanntzugeben, dass sie wieder einmal Ferien hat.)

I: Ich bin eben aufmerksam, Frau Gerdi. Wo soll es denn hingehen?

G: Nach Amerika!

I: USA?

G: Nein, Amerika, sie wissen schon, Los Angeles und so.

Ja, das weiss ich. Entschuldigung, dass ich frage. Pardon!

I: Das finde ich gut. Haben sie schon eine Idee, wie ihre Reise aussehen wird?

G: Ja, ich habe ja zehn Tage Zeit, da kann man einiges erleben. Ich möchte nach Los Angeles und von dort ein wenig mit einem Mietwagen herumfahren. Das wird nicht das Problem sein, ich möchte aber unbedingt in Las Vegas Siegfried und Roy sehen.

( Naja, wenn sie deren Privatadresse hat kann sie ja mal unverbindlich klingeln gehen.)

I: Oh, sie wissen wo die wohnen?

G: Nein, ich möchte ihre Show anschauen gehen.

( Wenn Frau Gerdi nicht eine so lächerliche Bluse aus Leopardenimitat angehabt hätte, könnte diese Aussage sogar lustig sein. )

I: Frau Gerdi, die treten doch nicht mehr auf. Roy hatte doch diese zarte Begegnung mit seinem Hauskater.

G: Ja, davon hab ich einmal etwas gelesen. Können sie nicht nachschauen, wann die wieder auftreten?

I: Die treten nicht mehr auf.. Roy war ja kurz vor dem abtreten..

( Zum Glück versteht Frau Gerdi keine Wortspiele! )

G: Ja, ich weiss, aber wann treten die wieder auf?

( Und Deutsch versteht sie auch nicht.)

I: Die treten nie wieder auf, das kann der Roy nicht mehr.

G: Und Siegfried?

I: Der tritt ohne seinen Freund nicht auf!

G: Dann kann ich die gar nicht sehen?

( Ich hoffe sie kapiert es )

I: Nein, wirklich nicht!

G ist sichtlich enttäuscht. Das wäre ein echter Leopard auch beim Anblick ihrer Bluse.

G: Das ist schade. Ja nu. Kann man wohl nichts machen. Kann ich ab New York zurückfliegen?

( Eleganter kann man das Thema wohl kaum wechseln.)

I: Sie wollen nach Los Angeles fliegen und ab New York zurückfliegen? Möchten sie denn einen Anschlussflug von Los Angeles nach New York?

G: Nein, ich habe ja einen Mietwagen. Mit dem fahre ich von Los Angeles nach San Francisco, von dort nach Las Vegas und dann einfach nach New York.

( Ich verkneife es mir, ihr beizubringen, dass sie von den zehn Ferientagen zwei im Flugzeug verbringt, acht auf Highways und der Rest an Tankstellen. Wenn sie das so will. )

( Sie hat es tatsächlich gebucht. Normalerweise taucht sie nach ihren Reisen bei uns im Reisebüro auf und erzählt ausführlich von ihren Erlebnissen. Sie ist seit zwei Monaten überfällig. Ich vermute, sie steht irgendwo in Sapulpa, Oklahoma im Stau.)

 

Foto:  Bestimmte Rechte vorbehalten von RodneyRamsey